Monatsarchiv: Februar 2017

Familienpatenschaft in der Osttürkei

Spende für die Opfer von Erdogans Krieg gegen die Kurden

Das Aktionsbündnis Bremervörde sammelt Spenden für eine Familie in Nusaybin im Osten der Türkei an der syrischen Grenze. Die Familie wurde über kurdische Kontakte vermittelt. Es handelt sich um ein Ehepaar mit 5 Kindern. Das jüngste Kind ist 16 Jahre alt. Während der dreimonatigen Ausgangssperre in Nusaybin im Jahr 2016 konnten sie ihr Haus nur unter größter Gefahr verlassen. Nachbarn der Familie wurden bei Bombardements durch türkisches Militär getötet. Das Haus der Familie wurde von türkischen Sicherheitskräften zerstört und abgerissen, wie ganze Stadtteile von Nusaybin und anderen Städten auch. Zurzeit wohnt die Familie in einem Wohnblock zur Miete. Durch die massenhafte Zerstörung von Häusern ist Wohnraum knapp. Die Mieten sind in die Höhe geschnellt. Dort, wo das Haus der Familie stand, patrouillieren Panzer und Soldaten. Es ist verboten, das Haus wieder aufzubauen oder auch nur Gemüse anzubauen. Das wirtschaftliche Leben in der von Sicherheitskräften belagerten Stadt liegt danieder. In der Vergangenheit hat der Mann während der Saison in der Westtürkei in der Landwirtschaft gearbeitet. Ob es in diesem Jahr wieder möglich sein wird, ist ungewiss. In der aufgeheizten Atmosphäre müssen kurdische Saisonarbeiter in der Westtürkei mit Übergriffen türkischer Nationalisten rechnen.

Die Familie wird über das Aktionsbündnis Bremervörde ein Jahr lang 150 Euro im Monat erhalten. Zugleich wollen wir hier bei uns über die Situation, in der die Familie lebt, berichten (u.a. auf http://www.aktionbrv.wordpress.com). Wobei momentan noch unklar ist, wie weit das tatsächlich möglich sein wird, ohne die Familie zu gefährden. Wir möchten entsprechend unserer Möglichkeiten ein wenig Unterstützung geben. Wenn die Politik völlig versagt, ist Solidarität von Mensch zu Mensch gefragt!

Wir haben ein Spendenkonto „Familienpatenschaft Osttürkei“ (IBAN: DE 92 2916 2394 3140 0086 30) bei der Volksbank Osterholz-Scharmbeck (BIC: GENODEF 1 OHZ) eingerichtet. Wir freuen uns über jede Spende!

Zum Hintergrund:

Die AKP-Regierung zeichnet sich seit Jahren durch ein repressives Vorgehen gegen jedwede Opposition im Lande aus. So wurden die Massenproteste im Rahmen der Gezi-Park-Besetzung in Istanbul brutal niedergeschlagen und kriminalisiert. Außenpolitisch verfolgt die Türkei einen Regimewechsel in Syrien. Ein völkerrechtswidriges Ansinnen, das nicht dadurch akzeptabel wird, dass Länder wie die USA, Deutschland und Saudi-Arabien das gleiche vertreten. Die Türkei dient Islamisten als Aufmarsch- und Rückzugsgebiet im Krieg gegen Syrien. Dabei ging die Türkei unter den Augen der Weltöffentlichkeit so weit, dass sie über Kobane, dessen syrische Kurden gegen den IS kämpften, ein Embargo verhängte. Jegliche medizinische Unterstützung sowie eine Lebensmittelversorgung für das bedrängte Kobane aus der Türkei wurde unterbunden.

In der Türkei selbst kündigte die Erdogan-Regierung den wohl von ihr nie ernstgemeinten Friedensprozess mit der kurdischen Bewegung auf. Gezielt eskaliert die türkische Regierung die gesellschaftlichen Konflikte und regiert mit einer Strategie der Spannung. Seit dem Putschversuch im letzten Sommer steht die Türkei unter Ausnahmezustand. Zehntausende wurden verhaftet. Zu den Verhafteten gehören auch viele Politiker der oppositionellen HDP. Der Staatsapparat wurde von Kritikern gesäubert. Eine unabhängige Presse gibt es praktisch nicht mehr. Im Osten der Türkei starben viele Menschen durch den Terror des Staates. Ganze Stadtteile wurden zerschossen, zerbombt und dem Erdboden gleich gemacht.

Hunderttausende sind auf der Flucht. Jenen, die sich nicht vertreiben lassen wollen und sich Notquartiere gezimmert haben oder in Zelten leben, werden auch diese manchmal von der Staatsmacht abermals zerstört. Menschenrechts-gruppen und Hilfsorganisationen haben in den kurdischen Gebieten in der Vergangenheit Hilfe für Kriegsflüchtlinge aus Syrien und dem Irak geleistet. Auch diese Organisationen sind inzwischen staatlicher Verfolgung ausgesetzt und vielfach verboten. So fehlt es nicht nur an Hilfe für die Flüchtlinge aus dem Ausland, sondern auch für die inländischen Opfer der Gewaltexzesse des türkischen Staates.

Skandalös ist, dass der Westen (USA, BRD u.a.) seinen Nato-Partner Türkei gewähren lässt. Mehr noch, Waffen werden geliefert, deutsche Truppen verbleiben in der Türkei und Bundeskanzlerin Merkel leistete bei ihrem Besuch in der Türkei sogar Wahlkampfhilfe für Herrn Erdogan. Obendrein schloss die EU ihren schmutzigen Flüchtlingsdeal mit der Türkei, also mit jenem Land, das im In- und Ausland massenhaft Flüchtlinge produziert und viele Geflüchtete im eigenen Land sich selbst überlässt bzw. schlecht behandelt. Hilfe aus Deutschland kommt für das AKP-Regime auch durch das Aufrechterhalten des PKK-Verbots. Während alle Welt Zeuge wird, wie die Erdogan-Türkei den (angekündigten) Weg in eine islamistische Diktatur geht, werden hierzulande kurdische Aktivisten, die keine Straftat begangen haben, vor Gericht gestellt und verurteilt, weil sie der PKK angehören sollen.

05.03.2017 – Tagesseminar im Bremervörder Ostel

Wer braucht wen?

Interessen ausländischer Mächte an der Türkei und in der Region unter besonderer Berücksichtigung der Interessen von USA und Deutschland

Sonntag, 5. März 2017 – von 11 bis 16 Uhr

Jugendhotel Ostel, Feldstraße 9, Bremervörde

Schon als der IS mit Unterstützung der Türkei drohte, Kobane zu erobern – also lange vor dem Flüchtlingsdeal – stellte sich die Frage: Warum ist Deutschland ein so treuer Partner der Türkei?

Zu Syrien besteht weiterhin Klärungsbedarf. Wer steckt hinter dem Krieg in Syrien? Auch zum Irak ist keineswegs alles klar. Ist etwa die Instabilität des Irak als ein Misslingen der US-Kriege zu sehen oder gerade nicht? Diese Fragen sind nur ein paar zu einer Region, in der zahlreiche Akteure mit einer schier unübersehbaren Gemengelage an Interessen agieren.

Mit einem Tagesseminar möchten wir das Verständnis für die betreffende Region verbessern. Dazu haben wir als Referenten und Mitdiskutanten Joachim Guilliard eingeladen. Joachim Guilliard, seit den 80er Jahren in der Friedens- und Solidaritätsbewegung aktiv, schreibt Bücher und Artikel zu den Themen Irak, Syrien, Nahostkonflikt und Libyen. In seinem Blog (http://jghd.twoday.net) veröffentlicht er Informationen und Gedanken rund um die aktuellen Kriege. Er trat auch als engagierter Mitorganisator von Tribunalen, Konferenzen und Seminaren auf.

Tagesablauf:

11:00-12:30 Uhr: Impulsreferat von Joachim Guilliard und Diskussion

12:30-13:30 Uhr: Mittagessen

13:30 – 16:00 Uhr: Diskussionsrunde mit Joachim Guilliard zu offenen Fragen der Teilnehmenden

Abschluss: Fazit für das politische Handeln

Verbindliche Anmeldung bis zum 28.2. unter Telefon 04768-685.

Der Seminarbeitrag (für das Mittagessen) beträgt 8,50 €. Leider ist in diesem Land Armut keine Seltenheit. Sie sollte kein Grund für kulturellen und politischen Ausschluss sein. Deshalb übernimmt der Veranstalter für diesen Personenkreis auf Nachfrage die Kosten.

Organisiert vom Rosa-Luxemburg-Club Vörder Land