Monatsarchiv: März 2017

Bericht zur Familienpatenschaft Osttürkei, März 2017

Im März schickten wir unserer Familie in Nusaybin 300 € für zwei Monate. Dort wurde das Geld schon sehnlichst erwartet, denn der Vermieter machte Probleme, weil die Miete nicht bezahlt war. Früher konnte man in solchen Fällen unproblematisch einen Aufschub bis zu einem Jahr bekommen. Heute geht es auch auf dem Mietmarkt in Nusaybin härter zu.

Die Mutter der Familie hatte zwischenzeitlich einen Zusammenbruch, musste kurz auch ins Krankenhaus. Sie wurde entlassen mit dem Hinweis, Stress zu vermeiden. Kein einfach zu befolgender Rat in dieser Situation!

Immer wieder ist von Trauerfeiern die Rede. Um die Familie nicht in Gefahr zu bringen, fragen wir nicht zu genau, wer da wie zu Tode gekommen ist. Aus anderen Quellen wissen wir, dass in den letzten Monaten in Nusaybin ein Kind von Sicherheitskräften erschossen wurde, das im Park spielte.

Anfang März wurde in einem Dorf in der Nähe von Nusaybin eine Ausgangssperre verhängt, weil dort Kämpfer der PKK vermutet wurden. Das ganze Dorf wurde von militärischen Spezialeinheiten durchsucht. Vier Personen wurden getötet und die ganzen jungen Leute aus dem Dorf mitgenommen. Alle Dorfbewohner wurden als Terroristen bezeichnet. Ein alter Mann wurde sehr heftig geprügelt. Ein anderer Mann, der hartnäckig fragte „Wo habt Ihr meine Kinder hingebracht?“ wurde auch zusammengeschlagen und mitgenommen. Was danach geschah, ist unklar. Diese Informationen gibt es nur, weil jemand heimlich mit dem Handy Aufnahmen gemacht hat und weil Betroffene darüber erzählt haben, obwohl sie sich damit in Lebensgefahr bringen.

Unsere Familie hatte mit Einnahmen aus landwirtschaftlicher Saisonarbeit in der Westtürkei und mit viel Eigenarbeit im Laufe von 20 Jahren zwei eigene Häuser gebaut. Das eine wurde während des Bombardements 2016 zerstört, das andere stark beschädigt. Bis vor kurzem hoffte die Familie noch, das Haus irgendwann wieder herrichten zu können. Nun ist es im letzten Monat abgerissen worden, gegen den Willen der Eigentümer. Ihre Besitzurkunden haben keinen Wert mehr, da es keine unabhängigen Gerichte mehr gibt, die diese Enteignung verfolgen würden. Die Regierung will auf diesen Grundstücken Wohnblocks errichten, wo dann die bisherigen Eigentümer zur Miete wohnen können. Zwischen den Wohnblocks sollen breite Straßen entstehen, auf denen Panzer leichter durchkommen können als in den früheren engen Gassen.

Und in Deutschland?

Am 17.3.17 wurde Ali H. Dogan zu 2 Jahren und 4 Monaten Haft verurteilt wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Er sei in Berlin und Bremen Gebietsleiter der PKK gewesen. Ihm wird vorgeworfen, dass er anlässlich der IS-Angriffe auf Kobane/Nordsyrien 2014 Demonstrationen organisiert hat, dass er Busfahrten zu kurdischen Festivals organisierte, dass er den Wahlkampf der HDP in Deutschland unterstützt hat. Diese Veranstaltungen würden dazu dienen, den Zusammenhalt der Organisation zu stärken. Das reicht, um in Deutschland als PKK-Unterstützer inhaftiert und verurteilt zu werden. 10 weitere kurdische Aktivisten sind wegen ähnlicher Vergehen in Deutschland in Straf- oder Untersuchungshaft.

Anfang März wurde in Deutschland verboten, die Fahnen von kurdischen Frauen-, Jugend- und Studierendenverbänden öffentlich zu zeigen. Auch die Fahnen der nordsyrischen PYD (Partei der demokratischen Union) und YPG (Selbstverteidigungskräfte in Rojava) wurden verboten. Die YPG befreite Kobane und rettete die Shengal-Yesiden vom IS.  Die PYD ist die Partei, die in Rojava/Nordsyrien basisdemokratische Strukturen einführte und sich für die Gleichberechtigung der Frauen, für säkulare Strukturen, für die Zusammenarbeit über Religionen und Ethnien hinweg einsetzt. Denen, die die Fahnen am Internationalen Frauentag oder bei den kurdischen Neujahrsfeiern (Newroz) zeigten, drohen nun auch Strafverfahren.